Ein Liebesbrief … an Goethes klein Paris!
Ich liebe mein Leipzig, mit all seinen kleinen Gässchen, seinem Flair und seiner greifbaren Geschichte, von der andere Städte dieser Größenordung nur träumen können… Ich liebe die Innenstadt, die einen Hauch von Stadtleben ausstrahlt, die mehrere Jahrhunderte überstanden hat. Auch liebe ich die Vielzahl an Bars und gastronomischen Einrichtungen in denen ich vor einigen Jahren noch aus und ein ging als wären sie mein Zuhause und in denen selten die Abende jung, die Bäuche leer und die Kehlen trocken blieben! Und gerade deshalb liegt es mir sehr am Herzen das hier los zu werden.
Leipzig wächst und gedeiht, an allen Ecken geht es voran. Stellenweise nur schleppend, aber es geht voran. Nur die Gastronomie scheint in einen Dornrößchen-Schlaf verfallen zu sein, vor allem in der Leipziger Innenstadt… seit Jahren kaum Veränderungen, keine Innovationen, Speisekarten vermeintlicher Szene Lokalitäten, in denen sich rein gar nichts verändert hat – außer der Preise. Ausnahmen bestätigen natürlich, wie überall, die Regel. Doch allmählich legt sich eine dünne Staubdecke über den Großteil der Leipziger Küchen.
Was mir letztlich Anlass für diesen Brief hier gab, waren einige Gespräche mit Leipziger Freunden, sowie Gastronomen und die letzten 2 Tage, die ich in Leipzig verbrachte. Wie so oft nahm ich all meine Mahlzeiten in gastronomischen Einrichtungen ein. Der Einzige Lichtblick war ein Stückchen hausgemachte Mohn-Eierschecke am gestrigen Nachmittag. Meist war die Sonne aber schon längst versunken und es war dunkel am kulinarischem Himmel.
Am dunkelsten wurde es, als ich über einem Teller Kalbsbäckchen mit Wurzelgemüse und Kartoffelpüree saß. Angerichtet wurde es, wie mir schien, aus 3 Metern Höhe – ohne jeden Bezug zu dem Gericht. Geschmacklich habe ich die Sauce, dem jungen Servicepersonal gegenüber, mit einer Vergewaltigung der Bäckchen verglichen. Eine Tomatentunke, die in Konsistenz und Geschmack an Letscho erinnerte, versetzt mit grob gehakten Stücken von Karotte und Sellerie, Daumen dick und bissfest, als wäre ein Schluck kochendes Wasser nur kurz an ihnen vorbei gerannt… vielleicht sollte hier ein wenig italiensiches Flair eingebracht werden, doch das ist dann wohl mächtig in die Hosen gegangen… Namen und Adresse des Hauses möchte ich vorerst für mich behalten.
Der nächste kulinarische Tiefschlag ereilte mich dann beim Mittagstisch in einem weiteren, von der Leipziger Bevölkerung sehr gut angenommen Restaurant. Ich bestellte die Penne mit Chilisalami. Keine große Sache… hmm … geschmacklich ähnelte sie eher einem Wurstgulasch, den ich zu Hause koche, nachdem ich den Kühlschrank ausgekehrt habe. Gästen würde ich das nicht anbieten und vorallem nicht zahlenden Gästen – aber zumindest war Schärfe vorhanden. Die Spinatknödel meines Tischnachbarn waren wohl etwas länger unabgedeckt im Kühlschrank und hatten dadurch den Kühlschrank typischen Geschmack angenommen… auch hier möchte ich mich vorerst von der Namensveröffentlichung fernhalten…
An den Speisekarten ist im Großteil der Frühling auch etwas vorbei gezogen… außer überteuerten Spargel und ausgelutschte Erdbeer-Kreationen, habe ich nichts entdeckt. was mich an die wohlschmeckenden Aromen des Frühlings erinnert…
Ich hoffe, hiermit nicht auf Unverständnis zu stoßen und mir üble Nachrede unterstellen zu lassen… ich möchte auch niemanden dazu bewegen, das Rad neu zu erfinden… und wie gesagt, es gibt auch sehr gute gastronomische Einrichtungen in Leipzig, die ihr Fach verstehen und ihre Gäste jedes Mal auf’s Neue in Entzücken versetzen. Nur sollten sich die anderen – zu meinem Bedauern der Großteil der Leipziger Küchen – mal wieder den Staub von den Schultern klopfen, sich etwas frischen Wind um die Nase wehen lassen und dann mal wieder den Kochlöffel in die Hand nehmen, um ihren Gästen etwas zu bieten. Denn Liebe geht immer noch durch den Magen.
Leipzig den 08.05.2012
In Liebe und ewiger Verbundenheit zur Stadt Leipzig
Vincent Fricke




